Interview mit Britta Halperin, vom Leitungsteam machTheater, Zürich

"Inklusion ist dann gelungen, wenn wir überall Menschen mit Beeinträchtigungen begegnen!"

machTheater in Zürich-Oerlikon ist europaweit die einzige Ausbildungsstätte im Bereich "Schauspiel, Kommunikation, verwandte und neue Medien" für Menschen mit Handicaps. Es bietet neben der INSOS-zertifizieren Vollzeit-Ausbildung auch Arbeitsplätze in diesem Gebiet sowie Freizeitkurse für Kinder und Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen an. 

 

Der Dreiteiler mit Aufführung der Eigenproduktion, Diskussionsrunde und Workshop wurde 2018 von "Denk an mich" als eines von zehn Jubiläumsprojekten zum Thema "Inklusion" ausgezeichnet.

 

Buchen kann man das Ensemble zudem für ein- bis mehrtägige Workshops, über verschiedene Events bis zum Dreh von speziellen Werbespots für Firmen. Die Räumlichkeiten (original 70-Jahre-Bistro und/oder Theaterraum) können zusammen mit dem Ensemble gemietet werden. Für die Beratung oder Begleitung von Projekten steht das gut qualifizierte und erfahrene Leitungsteam zur Verfügung.


"Wir sind mit viel Herzblut und ein paar Tonnen Engagement dabei."


Leitungsteam machTheater: Tonia Bollmann, Britta Halperin und Urs Beeler

Britta Halperin: Was kann ich mir unter dem machTheater vorstellen?

 

machTheater steht auf verschiedenen Pfeilern: Wir machen Freizeitangebote, Aus- und Weiterbildung in Schauspiel und adäquaten Kommunikationsformen, schaffen professionelle Arbeitsplätze sowie Begegnungsformate mit Theater-Inszenierungen, interaktiven Workshops, Museums- und Firmen-Führungen und Beratungen.

 

Unser Credo: Wir machen das Erlebnis der Begegnungen in und mit der Öffentlichkeit beeindruckender, bedeutsamer und wichtiger als die Handicaps der Spieler*innen.

 

"Wir" setzt sich zusammen aus: Im Moment vier Lernenden und zwei bereits ausgebildeten Schauspieler*innen. Diese sechs jugenen Menschen (die meisten mit Trisomie21, auch bekannt als Down Syndrom) bilden zusammen das Team machTheater. An einem Tag pro Woche sind zudem Interessent*innen aus der Berufsvorbereitung mit dabei. 

 

Dann kommt die TheaterWerkstatt dazu. Dies ist das Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche (lacht). Ok, es sich auch ein paar junge Erwachsene dabei, weil diese schon seit vielen Jahren dabei sind, auch älter werden und nicht aufhören wollen. In diesem Jahr (2018/2019) sind es 14 Teilnehmende.

 

 

Zu "wir" gehört last but not least das Leitungsteam: Urs Beeler, Tonia Bollmann und ich. Wir "schmeissen" den Laden, haben ihn aufgebaut, entwickeln ihn weiter und sind mit offiziell 200-Stellenproduzenten an 6 Tagen pro Woche mit viel Herzblut und ein paar Tonnen Engagement dabei. 

 

Organisiert ist das Ganze als gemeinnütziger Verein.

 

 

Backstage am Lernen

Als ich von Euren Ausbildungsangeboten hörte, fragte ich mich: Was passiert nach der Ausbildung?

 

Nach der praktischen Ausbildung (PrA) haben die jungen Menschen die Wahl: Sie können weiterhin bei uns im Ensemble bleiben, auf der Bühne stehen, Workshops spielen, an Führungen, Filmprojekten, Events etc. arbeiten. Oder - perspektiv - in anderen Bereichen, in welchen es um Kommunikation und Präsenz geht, als Assistenzen eingesetzt werden.

 

Je nach individuellen Kompetenzen, sehen wir gute Einsatzmöglichkeiten in Kitas als Spielassistenz, in Altersheimen als Gesprächspartner*innen und Zuhörer*innen, am Empfang einer Institution oder Rezeption einer Firma, im Service oder als Mitarbeiter*in in einem Theater - das könnte auch an der Garderobe sein.

 

Bezüglich Arbeitsstellen im ersten Arbeitsmarkt sind wir jedoch noch nicht da, wo wir sein möchten. Es braucht Partnerschaften mit Firmen und Betrieben welche sich für Inklusion einsetzen, die nicht nur darüber sprechen sondern das Abenteuer auch wagen.

 

Hier also gleich unserer Aufruf an alle Arbeitgeber*innen. Melden Sie sich! Im Gespräch finden wir Möglichkeiten.

 

 

TheaterWerkstatt

Eines Eurer Angebote ist die TheaterWerkstatt für Kinder und Jugendliche mit Handicaps. Was bringt die TheaterWerkstatt den Kindern und Jugendlichen? Für welche Kinder und Jugendlichen ist sie besonders geeignet?

 

Die TheaterWerkstatt ist eigentlich der Ursprung von machTheater. Sie wurde bereits vor 14 Jahren von Urs Beeler gegründet und alleine geleitet. Seither findet der Jahreskurs für Kinder ab ca. zehn Jahren jeden Samstag Nachmittag statt. Er eignet sich für alle bewegungs- und spielfreudigen, experimentierlustigen Kinder und Jugendlichen mit kognitiven Beeinträchtigungen, welche gerne regelmässig in der Gruppe Dinge entwickeln und auf eine Aufführung hin proben.

 

Die TheaterWerkstatt is explizit kein inklusives Angebot. Die Kids sollen hier unter sich sein, ihr eigenes Tempo und ihre Ausdrucksweise beibehalten und  sich nicht an "Normale" anpassen (müssen). Sie üben sich natürlich auch in Sozialkompetenz, Ausdrucksformen und Selbstständigkeit. Es ist immer wieder erstaunlich - oft auch für die Eltern - wie sich Kinder in diesem Format entwickeln, Fähigkeiten an den Tag legen, welche man ihnen kaum zugetraut hätte. Inklusion findet schlussendlich an den Aufführungen doch wieder statt. Wer immer Interesse zeigt, ist herzlich als Zuschauer*in willkommen.

 

Schon als Urs die Schauspiel-Ausbildung für das Theater HORA entwickelte und leitete, entfaltete sich die TheaterWerkstatt je länger je mehr zu einer Art "Vorkurs" für die Ausbildung. Damit meine ich, dass viele "Werkstättler*innen* sich später für die Ausbildung entschlossen , weil sie ihr Talent und ihre Kompetenzen schon reifen lassen konnten. So besuchte zum Beispiel auch die mittlerweile berühmte Julia Häusermann viele Jahre die TheaterWerkstatt bevor sie die Ausbildung bei Urs absolvierte und heute als "Star" auf der Bühne und im Fernsehen betrachtet wird. Sie hat übrigens 2013 den Alfred-Kerr-Preis erhalten...

 

Anmerkung der Interviewerin: Julia Häusermann ist bekannt aus der SRF-Doku "Julia Häusermann wird Schauspielerin - Leben mit mit Down-Syndrom"

 

 

Eigenproduktion "Die Schwindler" vom machTheater

Welche Wünsche hast Du für das machTheater?

 

Wünsche, hmmm, ja einen ganzen Blumenstrauss voll!

 

In erster Linie wünschen wir uns mehr Eigen-Erträge erwirtschaften zu können, um eine grössere finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Das heisst, mehr Aufträge für Workshops, Führungen, Beratungen, Werbefilm-Projekte und last but not least natürlich auch für unsere Inszenierungen. 

 

Damit einher geht natürlich auch unser gesellschafts-politisches Anliegen, mit dem Team machTheater grundsätzlich für eine grössere öffentliche Präsenz von Menschen mit Handicaps einzustehen und zu werben. Es geht um Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Handicap, darum Schwellenängste abzubauen. Die Gesellschaft ist noch nicht an dem Punkt, an dem Diversity einfach gelebt wird.

 

Dann natürlich auch, ganz wichtig, um Partnerschaften für externe (Teil-) Arbeitsplätze. Wir haben für unsere Mitarbeiter*innen also ausgebildeten Schauspieler*innen keine subventionierten Arbeitsplätze.

 

Die Lernenden können über Kostengutsprachen zur erstmaligen beruflichen Ausbildung teil-finanziert werden. Das bedeutet, dass wir neben den selber erwirtschafteten Beträgen immer auf Spenden angewiesen sein werden. Da kommt natürlich der Wunsch nach einer regelmässigen Gönnerschaft / einem Sponsoring auf.

 

 

Das Ensemble des machTheater

Spürbar ist Dein / Euer grosses Engagement mit ganz viel Herzblut. Was liebst Du an Eurer Arbeit am meisten? Und was sind die Herausforderungen?

 

Die Vielfältigkeit der Anforderungen an mich finde ich toll - von der Arbeit am online-Bulletin mit dem Ensemble, formulieren von Rückmeldungen an den Proben, mal eine kleine Rolle zu spielen (wie z. B. diejenige der Direktorin des Ministeriums für Einsamkeit in unserer Eigenproduktionen "Die Schwindler"), über die Suche nach Requisiten, Gestaltung von Grafiken, Mitarbeit beim Bühnenbild, dem Mitdenken überall, an allen Ecken und Enden.

 

Ich liebe zudem die Kreativität, welche gefordert ist, den Denkweisen unserer Mitarbeitenden zu folgen (versuchen), auch mal ganz unverblümt reagieren zu können, (lacht). Da kann ich mir eine Scheibe von ihnen abschneiden.

 

Wunderbar finde ich auch, das wir im 3er Leitungsteam unterschiedliche Backgrounds haben und mit Tonia jemand mit Ambitionen und Know-How im Filmischen dazu gehört.

 

Als grösste Herausforderung sehe ich den stetigen Mangel an Ressourcen... immer rennt die Zeit davon.

 



Das Ensemble des machTheaters draussen

Auf was bist Du besonders stolz?

 

Ich bin stolz darauf, was wir seit Sommer 2018 alles geschafft haben. Oft vergesse ich das im turbulenten Alltag und werden dann von Aussen darauf angesprochen. Das hilft, zu reflektieren (grinst). 

 

Zum Beispiel, dass wir die Ausbildungsbewilligung "so rasch" erhalten und die Räumlichkeiten "theatermässig" hinbekommen haben und nun neben den vielen kleinen überwundenen steinigen Nebenschauplätzen eine einzigartige Ausbildung mit Arbeitsplätzen präsentieren können. 

 

Stolz bin ich persönlich aber speziell auf Urs Beeler. Er ist der Gründer von machTheater, brachte es fertig, daran zu glauben, nicht aufzugeben und sich durch unzählige Schwierigkeiten zu beissen... ohne ihn gebe es dies alles nicht. 

  

 

Das machTheater mit der Eigenproduktion "Die Schwindler"

Du hast erwähnt, dass die Finanzen immer wieder ein Thema sind. Wie kann ich Euch als Privatperson oder Firma unterstützen?

 

Ja, das hast Du natürlich absolut recht. Pardon, ich habe schon etwas vorgegriffen damit, dass wir keine Unterstützung von Kanton und Bund haben. Also:

 

  • Gönner*innen und Spender*innen dürfen auf grosse Dankbarkeit zählen. Jede Spende von klein bis gross ist willkommen.
  • Als Mitglied des Vereins unterstützt Du uns mit einem Jahresbeitrag ebenfalls.
  • Jeder Besuch einer Vorstellung oder Veranstaltung ist Unterstützung.... und wenn Du uns dann weiter empfiehlst nochmals (lacht).
  • Als Firma, Betrieb oder Institution darf super gerne eine Workshop gebucht, Geld gespendet oder - ganz optimal ein Arbeitsplatz geschaffen werden.

 

Britta Halperin vom Leitungsteam machTheater

Welche Interview-Frage wolltest Du schon immer gestellt bekommen und beantworten?

 

Frage:

Welches ist Deine Lieblingsfarbe

 

Antwort:

Schwarz, weil da auch grün drin ist (wie in der Natur oder in machTheater, grün ist zudem gut für die Leber). In Schwarz sehe ich auch rot, das bewegt und gelb, wie Vanille-Crème. 

 

Was bedeutet für Dich persönlich Inklusion?

 

Inklusion ist dann gelungen, wenn ich im Tram mit einem Menschen mit Beeinträchtigungen unterwegs bin und ER angesprochen wird, wenn er zu laut spricht - und nicht ich.

 

Sie ist dann gelungen, wenn wir überall am Arbeitsplatz, im Alltag, in der Freizeit, Menschen mit Beeinträchtigungen begegnen. Wenn niemand mehr in diese Sekundenstarre verfällt, sobald er/sie mit Handicap auf der Bildfläche erscheint. Inklusion bedeutet für mich aber auch, dass "Schutzräume" erhalten bleiben sofern sie von der Zielgruppe verlangt werden. 

 


Ich danke Dir, Britta, für das inspirierende Gespräch! Dir, dem Leitungsteam und dem Ensemble vom machTheater wünsche ich ganz viel Freude und Erfolg auf allen Ebenen!

 

Für das Interview: Manuela Ming




TheaterWerkstatt:

 

Vom 24. August 2019 bis 11. Juli 2020 findet die 14. TheaterWerkstatt für Kinder und Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung statt. 34 Probe-Nachmittage am Samstag, 13.00 - 15.00 Uhr und ca. sechs Tagesproben von 10.00 - 15.00 Uhr. Anmeldung jetzt möglich!

 

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Alle Bilder wurden uns freundlicherweise von Britta Halperin und machTheater für das Interview zur Verfügung gestellt. Sie unterstehen dem gültigen Urheberrecht!


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